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Wann ist Wein genussreif?

Text: Chandra Kurt Fotos: Gian Vaitl

Nicht alle Weine werden mit dem Alter besser – auch wenn wir das irgendwie glauben. Wein hat je nach Stil eine ihm eigene Lebensdauer. Und diese ist meist kürzer, als man denkt.

Meiner  Grossmutter  habe  ich  eine meiner  wichtigsten  Weinlektionen zu verdanken: dass Wein eine Lebensdauer hat, die einmal zu Ende gehen kann. Wein war für sie eine alltägliche Selbstverständlichkeit. Als ich eines Tages in ihrer Vorratskammer eine alte, verstaubte  Weinflasche  entdeckte,  hinter  der  ein noch älterer Brief versteckt war, meinte sie zu mir: «Siehst du, dieser Wein ist gestorben, ohne dass er je gelebt hat.»

 

Einflüsse der Produktionsweise

Ich  beschäftige  mich  seit  über  zwanzig Jahren  mit  Wein  und  habe  dabei  entdeckt, dass immer weniger Weine durch die Lagerung besser werden. Erstens hat sich das Wissen punkto Produktion stark verbessert, so dass die meisten Weine bereits  perfekt  und  trinkbereit  auf  den Markt kommen. Zweitens ist die Konkurrenz im Angebot so gross geworden, dass die meisten Winzer Weine produzieren, die  kurz  nach  dem  Abfüllen  trinkbereit sind.  Dies  entspricht  einem  Bedürfnis. Denn  nicht  alle  Weinkonsumenten  haben  einen  Weinkeller.  Fachleute  gehen davon aus, dass 90 Prozent der verkauften Weine innerhalb von 48 Stunden getrunken werden. Ein Wahnsinn.

Dennoch werde ich oft gefragt, wann welcher  Wein  trinkreif  ist.  Jahrgangstabellen sind für solche Fragen nützlich. Es wäre jedoch falsch und schade, wenn man  diesen  Tabellen  blind  vertrauen würde.  Vertrauen  sollte  man  dem  eigenen Gaumen. Er sagt einem, ob ein Wein schmeckt  –  oder  eben  nicht.  Einerseits was  den  Stil  betrifft  (ist  der  Wein  zu schwer,  zu  fruchtig,  zu  sauer),  andererseits, was seine Balance betrifft (zwischen Aromen, Alkohol, Gerbstoffen und Säure). Im Grunde genommen ist ein Wein dann trinkreif, wenn er in optimaler Balance  mit  sich  selber  liegt.  Heute  kommen Weine in den Verkauf, deren Tanni­ne  und  Säurekomponenten  durch  Eingriffe  gemildert  werden.  Selbst  edler Bordeaux oder komplexer Barolo kommt heute mit viel samtigeren Gerbstoffen in die Flasche als noch vor zehn Jahren. Ob dieser Wein eine gleich lange Lebensdauer  hat  wie  die  älteren  Weine  (die  noch nicht so perfekt vinifiziert worden sind), wird sich zeigen.

 

Faustregeln für die Genussreife

Je kürzer die Produktionszeit des Weines, desto kürzer seine Lebensdauer. Reift der Wein hingegen ein paar Jahre in Barriques  und  dann  in  der  Flasche,  bis  er beispielsweise vier Jahre nach der Ernte in die Verkaufsregale kommt, kann man ihn  sicher  gleich  lang  lagern  –  wenn nicht sogar einiges länger.

 

  • Leichte Weine, mit wenig Gerbstoffen und wenig Säure kann man weniger lang lagern  als  körperreiche  mit  kräftigen Gerbstoffen.
  • Topweine sind meist länger lagerbar.
  • Oft hält sich Rotwein besser als Weisswein. Rosé ist im Kaufjahr zu trinken.
  • Vorsicht ist geboten bei den Aussagen auf dem Rückenetikett der Flaschen. Was seine  Haltbarkeit  anbelangt,  wird  der Wein gerne ein paar Jahre lebensfähiger gemacht, als er tatsächlich ist. Denn eine längere  Lebensdauer  bedeutet  marketingtechnisch gesehen schlicht eine Aufwertung des Weins.
  • Günstige Weine sind eher selten Lagerweine. Man sollte sie deshalb innert zwei bis drei Jahren geniessen
  • Ist die Farbe des Rotweines nicht mehr rot, sondern eher braun, so besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er seinen Zenith überschritten hat.

 

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